Irene Nickel

Ethik

Aussagen zu ethischen Fragen
sind von anderer Art als Aussagen über Tatsachen.

Aussagen über Tatsachen können wahr oder falsch sein.
Das hängt davon ab,
ob sie die Gegebenheiten der Wirklichkeit
zutreffend beschreiben oder nicht.
Und in vielen Fällen kann dies eindeutig entschieden werden,
auf der Grundlage von Beobachtungen dieser Wirklichkeit
und, soweit erforderlich, mit Hilfe von logischen Schlussfolgerungen.

Bei Aussagen zu ethischen Fragen ist das anders.
Beobachtungen und logische Schlussfolgerungen
können zwar zeigen, was ist,
nicht aber, was sein soll.

Logische Schlussfolgerungen zu ethischen Fragen
werden jedoch möglich,
wenn zu den Grundlagen dieser Schlussfolgerungen
etwas Anderes hinzugenommen wird:
eine Aussage,
oder auch eine Kombination von Aussagen,
über das, was sein soll.

Wie aber soll man entscheiden,
welche Aussage bzw. welche Kombination
man hinzunehmen soll?

Es kommt darauf an, was man mit Ethik erreichen will.
Meine Hauptanforderung wäre:

Ethik sollte Nutzen hervorbringen,
vor allem Nutzen für Menschen.

Damit ist zugleich gesagt,
dass Ethik Schaden verhindern soll.
Denn die Verhinderung von Schaden
ist zweifellos von Nutzen.

Mein Zusatz „vor allem Nutzen für Menschen“
soll den Weg offen halten für Ergänzungen,
die den Umgang mit anderen Lebewesen betreffen,
beispielsweise mit Tieren.
Dazu später mehr.

  
Nutzen – was ist damit gemeint?

Das Wort „Nutzen“ kann in zweierlei Weise gebraucht werden;
zum einen für „Nutzen“ im Sinne einer bestimmten Definition,
zum anderen als ein Wort, über dessen konkrete Bedeutung
noch zu diskutieren ist.

Lange Zeit hielt ich recht viel von Definitionen
wie zum Beispiel der folgenden:

Maßstab dafür,
was für ein Lebewesen von Nutzen ist und was von Schaden,
sind die Interessen dieses Lebewesens.

Und zwar seine aufgeklärten Interessen,
wie der Philosoph Norbert Hoerster
jene Wünsche bezeichnet,
die jemand „hat (oder jedenfalls haben würde)“,
sofern er sie in einem „urteilsfähigen und informierten Zustand“
hat bzw. haben würde.
     (Norbert Hoerster, Ethik und Interesse, S. 37 f bzw. S. 24)

Doch inzwischen bin ich zu der Überzeugung gelangt,
dass keine Definition dieser Art
der kritischen Diskussion entzogen werden sollte:
Sie sollte nicht als unabänderlich betrachtet werden
wie ein Axiom in der Mathematik.

Der Philosoph Hans Albert führte aus,
warum er der Ansicht eine Absage erteilt hat,
dass eine rationale Diskussion
über sogenannte „letzte Voraussetzungen“ oder „oberste Prinzipien“ ausgeschlossen sei („de principiis non disputandum“).
Ich stimme seiner Auffassung zu,
„dass gerade grundlegende und wichtige Prinzipien
rationaler Diskussion am meisten bedürfen.“
     (Hans Albert, Traktat über kritische Vernunft, S. 41–42)

  
Utilitarismus – gehören meine Auffassungen dazu?

Es kommt darauf an, was man unter „Utilitarismus“ versteht.

Da ich der Meinung war (und bin),
dass Ethik dazu da ist, von Nutzen zu sein,
war ich lange Zeit war geneigt,
meine Auffassungen zur Ethik dem Utilitarismus zuzuordnen.

Doch dann las ich das Buch Ethik des Philosophen John Leslie Mackie.
Dort schreibt er:

„Meine eigene Theorie ließe sich [...]
als eine utilitaristische im weitesten Sinn bezeichnen.
Doch es ist meines Erachtens weniger irreführend,
die Wörter ‚Nützlichkeit’ und ‚Utilitarismus’ ganz fallen zu lassen,
als sie in einem so weiten Sinn weiter zu verwenden,
dass dabei die für sie charakteristische Gedankenverbindung
zu quantitativem Messen und Abwägen sowie zu auswechselbaren Befriedigungen verloren geht.“
     (John Leslie Mackie, Ethik, S. 186)

Ich stellte fest, dass ich Ähnliches
auch von meinen Auffassungen sagen könnte.
Ich ordne sie jetzt nicht mehr dem Utilitarismus zu.

  
Wirksamkeit ethischer Aussagen

Damit Aussagen zu ethischen Fragen
ihre nutzbringende Wirkung entfalten können,
müssen sie von vielen Menschen akzeptiert werden.
Dafür ist es wichtig, dass sie als einleuchtend empfunden werden.
Und wo mehrere Aussagen zu ethischen Fragen
zu ethischen Systemen zusammengefasst werden,
da ist es wichtig, dass die Aussagen zusammenpassen.

So spricht einiges für den Grundsatz,
dass ähnliche Fälle
ähnlich beurteilt werden sollten
.

Manchmal ergibt sich das fast von selbst
in der Diskussion von neueren ethischen Fragen.
Da wird nicht selten argumentiert,
dass man in ähnlichen Fällen in bestimmter Weise urteile –
warum sollte dann nicht
in der neueren Frage ähnlich geurteilt werden?

Solche Analogieschlüsse
verhelfen nicht selten zu raschen und doch brauchbaren Ergebnissen.

  
Gleiches Recht für alle,

das ist eine Forderung, die häufig erhoben wird.
Und tatsächlich findet sie viel Zustimmung,
jedenfalls dort, wo die Aufklärung
eine spürbare Wirkung entfalten konnte.

Zum Glück gibt es dort viele Menschen,
die Forderungen wie den folgenden zustimmen:

        Gleiches Recht für Männer und Frauen!

        Gleiches Recht für Menschen unterschiedlicher Hautfarbe!

        Gleiches Recht für heterosexuelle, homosexuelle
         und bisexuelle Menschen!

        Gleiches Recht für Menschen ohne religiösen Glauben
         wie für gläubige Menschen!

Die praktische Umsetzung dieser Forderungen
lässt zwar vielerorts zu wünschen übrig,
nicht zuletzt auch in Deutschland.
     (mehr dazu unter
     Gegen Diskriminierung und Ausgrenzung
     von Konfessionslosen und religiösen Minderheiten)

Immerhin gibt es zugleich eine nicht geringe Zahl von Menschen,
die bereit sind, zur praktische Umsetzung dieser Forderungen
das Ihre zu tun.

  
Eine Frage der Gerechtigkeit

ist es für viele Menschen,
dass der Grundsatz „Gleiches Recht für alle“
in weiten Bereichen beachtet wird.
Jedenfalls in Kulturen,
in denen die positiven Aspekte der Aufklärung
von vielen Menschen akzeptiert und weiterentwickelt worden sind.

So ist dieser Grundsatz
dort nicht nur für diejenigen von Nutzen,
denen sonst Benachteiligungen drohen würden.
Er kann auch dazu beitragen,
dass Menschen eine Rechtsordnung, in der dies gilt,
als einleuchtend empfinden und akzeptieren.

„In weiten Bereichen“,
schrieb ich im ersten Satz dieses Abschnitts.
Diese Einschränkung halte ich für notwendig.
Denn es gibt Bereiche,
in denen unsere Möglichkeiten,
ethischen Forderungen nachzukommen,
an Grenzen stoßen.
Beispielsweise dort, wo aktive Unterstützung gefragt ist.

Wollte man in diesen Bereichen
die Forderung nach gleichem Recht für alle in der Weise erheben,
dass ein gleicher Anteil für alle Bedürftigen zu erstreben wäre,
dann müsste dieser Anteil für den einzelnen Bedürftigen
oft recht gering ausfallen.
Damit würde die Forderung

Gleiches Recht für alle !

wenig anderes bedeuten als die Forderung

Gleiche Rechtlosigkeit für alle !

  
Ein wenig Unterstützung für möglichst viele Bedürftige,
das reicht oft nicht, um an ihrer Situation
etwas Nennenswertes zu ändern.
Oft muss die Unterstützung
auf ausgewählte Projekte konzentriert werden,
wenn die Bedürftigen in die Lage versetzt werden sollen,
selbst für sich und ihre Familien zu sorgen.
Oft ist nur so eine nachhaltige Verbesserung zu erreichen.

Manchmal ist die Konzentration auf wenige Betroffene
sogar notwendig, um überhaupt einen Nutzen zu erzielen.
Beispielsweise wäre es unsinnig,
wenn man Unterricht im Schreiben und Lesen
auf so viele Menschen aufteilen würde,
dass jeder Einzelne nur wenige Wochen Unterricht haben könnte.
In so kurzer Zeit lernt so gut wie niemand Schreiben und Lesen.
Um den angestrebten Nutzen zu bringen,
müsste ein solcher Unterricht über längere Zeit fortgeführt werden.

Schon diese Überlegungen zur Effektivität
zeigen, dass es gute Gründe geben kann,
Maßnahmen zur Unterstützung von Bedürftigen
auf vergleichsweise wenige Menschen zu konzentrieren.
Auch wenn dann viele andere leer ausgehen müssen.

  
Hinzukommen sollte m. E. die Überlegung,
dass vielfach dann am meisten zu erreichen ist,
wenn man sich die natürlichen Neigungen vieler Menschen
zu Verbündeten macht.
Beispielsweise werden viele wohlhabende Eltern
schon von sich aus gern bereit sein,
ihre Kinder an ihrem Wohlstand teilhaben zu lassen
und ihnen einen guten Start ins Leben zu ermöglichen.
Die gleiche Bereitschaft kann man nicht voraussetzen,
wo es um fremde Kinder geht.
Da werden nicht wenige wohlhabende Eltern der Meinung sein,
sie seien zwar durchaus bereit, ihre Steuern zu bezahlen,
damit alle Einwohner ihres Landes ein Auskommen haben;
aber das sollte reichen.
Wenn es schließlich um Bedürftige in fernen Ländern geht,
dann werden nicht wenige der Hiesigen
darauf bestehen, dass es nicht ihre Aufgabe sei,
das Elend der ganzen Welt zu schultern.

Diesen Einstellungen könnte
ein System von abgestuften Rechten auf der einen Seite
und abgestuften Pflichten auf der anderen Seite
entgegenkommen.
Von einem solchen System
wäre m. E. mehr Nutzen zu erwarten
als von einem allzu starren Pochen auf Gleichbehandlung.

  
Gleiche Rechte für Tiere ?

Die Vorstellung ist nicht neu:
dass Tiere – oder jedenfalls bestimmte Tiere –
gleiche oder ähnliche Rechte haben sollten wie Menschen.
Schon der Philosoph Jeremy Bentham (1748–1832) schrieb:

„Aber ein ausgewachsenes Pferd oder ein Hund
sind unvergleichlich vernünftigere Lebewesen als ein Kind,
das erst einen Tag, eine Woche oder selbst einen Monat alt ist.
[…]

Die Frage ist nicht: können sie denken?
oder: können sie sprechen?,
sondern: Können sie leiden?
     (zitiert nach Peter Singer, Praktische Ethik, S. 72;
     kursiv wie dort)

Wenn heute die Aufmerksamkeit auf das Thema gelenkt wird,
dann spielen oft bestimmte Namen eine Rolle.
Wie bei der Verleihung des Ethik-Preises der Giordano Bruno Stiftung
an die Philosophin Paola Cavalieri
und an den umstrittenen Philosophen Peter Singer.
In ihrer Würdigung sagte Michael Schmidt-Salomon,
der Vorstandssprecher der Stiftung:

„„Wir Menschen sind […] evolutionär entstandene Organismen
wie andere auch. Das sollte sich in einem verantwortungsvolleren
Umgang mit der nichtmenschlichen Tierwelt niederschlagen,
speziell in unserem Verhältnis zu jenen Lebewesen, mit denen wir unsere Evolutionsgeschichte seit Jahrmillionen teilen.

[…]

In Wahrheit sind wir […] mit den Schimpansen enger verwandt
als diese mit den Gorillas.“
     Ethik-Preis für Paola Cavalieri und Peter Singer

Nichts gegen einen
„verantwortungsvolleren Umgang mit der nichtmenschlichen Tierwelt“.
Unsere Tierschutzgesetze
bedürfen dringend erheblicher Verbesserungen.

Was mich aber wundert, ist die hier gegebene Begründung:
biologische Verwandtschaft und gemeinsame Evolutionsgeschichte.
Warum sollte das relevant sein für ethische Fragen?
Mir scheint hier eine Überbewertung der Biologie vorzuliegen,
wenn nicht sogar ein naturalistischer Fehlschluss,
ein unzulässiger Schluss von dem, was ist, auf das, was sein soll.
Für die Idee, dass Verwandtschaft
ein besonderes Maß an Berücksichtigung begründen würde,
gibt es übrigens ein paar nicht eben freundliche Bezeichnungen,
wie „Nepotismus“ oder „Vetterleswirtschaft“.

Nun könnte mir jemand entgegenhalten,
dass ich selbst mich bejahend dazu geäußert habe,
wenn Eltern mehr für ihre Kinder tun als für fremde Menschen.
Für gerechtfertigt halte ich das aus einem bestimmten Grund:
Es gibt starke Gefühle von Eltern gegenüber ihren Kindern,
die geeignet sind, das Beste in diesen Eltern ans Licht zu bringen.

Solche Gefühle gibt es gegenüber Schimpansen,
sehr viel seltener, wenn überhaupt.
Solche Gefühle haben die meisten Menschen
nicht einmal gegenüber fremden Menschen,
obwohl sie mit ihnen biologisch näher verwandt sind
und eine längere Evolutionsgeschichte gemeinsam haben.

  
Ethisch relevant ist hingegen ein anderes Argument,
nachzulesen in einem anderen Bericht von derselben Veranstaltung:

„Als Begründung für die Notwendigkeit von Tierrechten nannte Schmidt-Salomon erstens das ‚fundamentale Prinzip der Ethik‘,
die gleiche Behandlung gleichsam empfindsamer Lebewesen.
Nach Nationalismus, Rassismus und Sexismus sei nun Speziesismus, die Diskriminierung aufgrund der Artenzugehörigkeit, zu bekämpfen.“

Damit ist freilich ein wichtiger Punkt nicht geklärt:
Was wäre denn wirklich die Folge,
wenn diese Vorstellungen eine weite Verbreitung fänden?
Ich fürchte, die Hauptfolge wäre
ein weiteres Auseinanderklaffen zwischen Anspruch und Wirklichkeit.

  
Indes rechne ich nicht damit,
dass solche Vorstellungen breite Zustimmung finden.

Erstens,
weil Menschen ein Interesse daran haben,
sich vor Überforderung zu schützen.
Wenn sie sich schon nicht in der Lage sehen,
das Elend der gesamten Menschheit zu schultern,
wie sollen sie sich dann umfangreiche weitere Pflichten aufladen wollen?

Und zweitens,
weil Menschen nicht ohne Grund befürchten,
dass ihre eigenen Rechte dann zu kurz kämen.
Es geht um ihr Recht auf Leben und Gesundheit.
Für einige Patienten
sind Fortschritte in der Entwicklung von Heilverfahren lebenswichtig.
Sie wären die Leidtragenden,
wenn man diese Fortschritte
an übermäßigen Verboten von Tierversuchen scheitern ließe.

  
Selbstlosigkeit – lieber nicht !

Im Katechismus der Katholischen Kirche
werden Vorstellungen beschrieben,
wie das Zuhause aussehen soll,
das Eltern für ihre Kinder schaffen sollten.
Unter anderem sollte dort eines herrschen:
„selbstlose Dienstbereitschaft“.
     (Nr. 2223 im Katechismus der Katholischen Kirche)

Nichts gegen Hilfsbereitschaft.
Aber warum „selbstlos“?

Wenn Ethik einen vernünftigen Sinn haben soll,
dann liegt der darin, das Wohlergehen von Menschen zu fördern.
Es wäre absurd,
wenn dabei ausgerechnet die Interessen der eigenen Person
ausgenommen würden

während man die Interessen gerade dieser Person
oft besonders gut kennt und entsprechend berücksichtigen kann.

 

Es gibt keinen vernünftigen Grund,
sich selbst schlechter zu behandeln als andere Menschen.

Auch ein stolzes
„Von mir selbst verlange ich mehr als von anderen Menschen!“
ist nicht immer vorbildlich.
Zwar ist nichts dagegen einzuwenden,
wenn jemand durch überdurchschnittliche Leistungen
ein bestimmtes Ziel erreichen will,
und wenn seine Freude an der Erreichung des Ziels
gegenüber den Belastungen durch die Leistungen überwiegt.
Aber es kommt auch vor, dass die Belastungen stark überwiegen.
In solchen Fällen wäre zu fragen,
ob man nicht ungerecht gegenüber sich selbst wäre,
wenn man von sich selbst etwas verlangen würde,
was man niemals von einem anderen Menschen verlangen würde.

  
Rückwirkungen  

In der Ethik geht es traditionell vor allem
um die Auswirkungen menschlichen Handelns
auf andere Menschen.
Nicht zu kurz kommen sollte darüber jedoch,
dass Ethik auch Rückwirkungen
auf die handelnden Menschen selbst haben kann,
sowohl auf ihr Wohlbefinden
als auf ihre Motivation zu wünschenswertem Verhalten.

Entmutigung
ist oftmals die Folge,
wenn die Anforderungen so hoch sind,
dass Menschen immer wieder scheitern
bei ihren Versuchen, diesen Anforderungen zu genügen.
Darunter leidet ihre Motivation,
sich noch um (bessere) Erfüllung der Anforderungen zu bemühen.

Gleichgültigkeit
gegenüber der Frage, wie weit man den Anforderungen entspricht,
stellt sich leicht ein, wenn man immer weit entfernt davon ist,
den Anforderungen zu genügen
oder auch nur näherungsweise zu genügen.
Warum sollte man sich noch bemühen,
wenn das Ergebnis so oder so unbefriedigend ist?

Trotz und Zynismus
können entstehen, wenn Anforderungen und Wirklichkeit
in einem krassen Missverhältnis zueinander stehen.
Das kann dazu führen,
dass Menschen die Anforderungen als weltfremd empfinden
und einfach nicht mehr ernst nehmen.
Hinzu kommen kann,
dass Menschen sich ungerecht behandelt fühlen,
wenn sie wegen der Nichterfüllung solcher Anforderungen
scharf kritisiert oder gar beschimpft werden.
So ist es kein Wunder,
wenn Menschen mit Trotz und Zynismus reagieren
und gar nicht mehr danach streben wollen,
den Anforderungen (besser) zu entsprechen.
Darüber hinaus besteht die Gefahr,
dass Trotz und Zynismus
auf die Haltung gegenüber ethischen Normen im Allgemeinen übertragen werden, also auch auf Normen,
deren Erfüllung durchaus möglich und wünschenswert wäre.
Zu einem besseren Verhalten gegenüber hilfsbedürftigen Menschen
dürfte das alles nicht führen.

  
Vollkommenheit

Kaum zu überbieten ist wohl diese Forderung Jesu:

Ihr sollt also vollkommen sein,
wie es auch euer himmlischer Vater ist.
     (Bergpredigt, Matthäus 5,48)

Der Volksmund weiß es besser:

“Nobody is perfect.”
„Niemand ist vollkommen.“

  
Anspruchsvolle Arten von Ethik und Moral

In seinem Buch Ethik hat der Philosoph John Leslie Mackie
Arten der Moral kritisiert, die so anspruchsvoll sind,
dass keinerlei Aussicht auf Verwirklichung besteht,
nicht einmal annäherungsweise.
Er schrieb:

„Etwas als Moral im weiten Sinn vertreten,
was zwar ein bewundernswertes Ideal sein mag,
dennoch aber als solches unmöglich zu verwirklichen ist,
bringt gewöhnlich [...] mehr Nachteile als Vorteile mit sich.
Es verleitet dazu, moralische Prinzipien
nicht als wirkliche Handlungsnormen zu verstehen,
sondern als Illusionen,
die mit Handlungen zwar einhergehen,
doch mit ihnen vollkommen unvereinbar sind. [...]
Die Moral mit irgendetwas gleichzusetzen,
dem man gewiss nicht folgt,
ist die sicherste Art und Weise, sie in Verruf zu bringen –
sie praktisch in Verruf zu bringen,
denn damit kann eine theoretische Hochachtung
sehr leicht einhergehen.“
     (S. 166)

Diese Kritik richtet Mackie
ausdrücklich auch gegen das biblische Gebot
„Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“,
soweit es, wie das häufig der Fall ist, verstanden wird
als „Aufforderung zu einem universalen und unparteiischen Wohlwollen gegenüber allen Menschen“.
     (S. 165)

Ich teile diese Kritik.
Ergänzen möchte ich:

  
Doppelte Moral
 

Wenn eine Ethik oder Moral sehr anspruchsvoll ist,
dann kommt es leicht zur Bildung einer doppelten Moral:
einer offiziellen Moral,
der zuzustimmen man sich verpflichtet fühlt,
und einer faktischen Moral,
an der man sein tatsächliches Verhalten ausrichtet.

Das heißt nicht, dass die faktische Moral
in jedem Fall schlecht sein müsste.
Es heißt allerdings,
dass sie in vielen Fällen besser sein könnte:
wenn die Menschen mehr über die faktische Moral
nachdenken und diskutieren würden
und sich weniger durch eine weltfremde offizielle Moral
davon ablenken ließen.

So ließe sich leichter vermeiden,
dass Menschen ihren Vorrat an gutem Willen
und ihre Bereitschaft zu uneigennützigem Verhalten
an eher unwichtige Dinge verschwenden,
während dies Verhalten anderswo viel dringender gebraucht würde.
Und es ließe sich leichter vermeiden,
dass Menschen vieles an sich Gute beginnen,
sich aber verzetteln und ihre Arbeitskraft nicht effektiv einsetzen.

  
Ethik – für real existierende Menschen !

Bei der Entwicklung einer Ethik oder Moral
sollte stets im Auge behalten werden,
was von real existierenden Menschen
erwartet werden kann, und was nicht.

„Politik ist die Kunst des Möglichen“, heißt es.
In ähnlicher Weise würde ich sagen:
Es wäre gut, wenn diese „Kunst des Möglichen“
auch in der Ethik öfter geübt würde.

Braunschweig, den 17. Februar 2013

Irene Nickel

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